LaVida: 31 Januar 2018,

Magengeschwüre beim Pferd


Magengeschwüre (Equine Gastric Ulcer Syndrom) kommen beim Pferd sehr häufig vor. Schaut man sich die Statistiken an, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, selbst ein Pferd mit Magengeschwüren zu haben.
Das Equine Gastric Ulcer Syndrom umfasst ein breites Spektrum der Schwere, von einer entzündeten Magenschleimhaut bis hin zu tiefen Kratern und Blutungen. Von Tierärzten wurde ein 4 Punkte Bewertungssystem entwickelt, um die Schwere von Magengeschwüren zu klassifizieren, Grad 2 oder höher wird als klinisch signifikant angesehen.
Im schlimmsten Fall „frisst“ sich das Geschwür durch die gesamte Magenwand und verursacht so ein Loch. Man spricht dann auch von einem durchgebrochenen oder perforierten Geschwür. Mageninhalt kann durch das Loch in den Bauchraum gelangen und eine lebensbedrohliche Bauchfellentzündung verursachen.

Doch was sind die möglichen Ursachen und was kann man tun damit es gar nicht so weit kommt?

Um zu verstehen, warum Pferde anfällig für Geschwüre sind, ist es hilfreich, sich etwas mit der Anatomie des Pferdemagens auseinanderzusetzen.
Der Magen vom Pferd besteht aus zwei Bereichen, einen vorderen drüsenlosen (der speziell am Übergang sehr empfindlich auf die Magensäure reagiert) und einen hinteren drüsenhaltigen Bereich.
In der drüsenlosen (kutanen Schleimhaut) findet überwiegend die bakterielle Fermentation der Kohlenhydrate statt, wobei Milchsäure, freie Fettsäuren und Gase gebildet werden.
Im drüsenhaltigen Abschnitt wird der Mageninhalt zunehmend mit Magensaft (Salzsäure und Pepsin) durchmischt und verflüssigt, wodurch der pH Wert sinkt, die bakterielle Aktivität ab- und die enzymatische Verdauung der Eiweiße zunimmt.

Die produzierte Säure ist lebenswichtig um die aufgenommen Nahrungsbestandteile verwerten zu können und schützt den Darmtrakt vor Fehlbesiedelungen mit Bakterien und Pilzen. Wird aber zu viel Säure produziert, beziehungsweise kann sich der Magen nicht ausreichend vor der Säure schützen, dann kommt es zu Schleimhautreizungen bis hin zur Ausbildung von Geschwüren.
Entscheidend für einen gesunden Magen ist das Gleichgewicht zwischen einer ausreichenden Säureproduktion, sodass die Verdauung ungestört ablaufen kann, und gleichzeitig ausreichend funktionierenden körpereigenen Schutzmechanismen sowie ausreichendem Verbrauch der Säure durch regelmäßige Raufutteraufnahme.
In der freien Natur fressen Pferde ungefähr 16 Stunden am Tag. Dafür ist auch der kleine Pferdemagen ausgerichtet und produziert deshalb im Gegensatz zum Menschen und Hund permanent Magensaft. Den Speichel als natürlichen Puffer der Magensäure, produziert ein Pferd allerdings nur wenn es Futter kaut.
Bleibt der Magen zu lange leer, etwa vier Stunden, kann der aggressive Magensaft, die ungeschützte Magenschleimhaut angreifen.

Es werden zwei Arten von Magengeschwüren hinsichtlich der betroffen Magenregion, Entstehung, Ursache und Therapie unterschieden.

ESGD Geschwüre= Equine Squamos Gastric Disease: betreffen den vorderen, drüsenfreien Bereich der Magenschleimhaut.
Für Magengeschwüre in den vorderen Arealen ist vor allem die Salzsäure verantwortlich, die bei langen Raufutterpausen, vom hinteren in den vorderen Bereich gelangen kann. Magengeschwüre im vorderen Bereich werden fehlerhaften Fütterungs- und Haltungsmanagement zugeschrieben. Diese Art von Magengeschwüren ist am ehesten mit dem Reflux beim Menschen vergleichbar. Dieser Bereich ist beim Pferd am häufigsten betroffen.

EGGD Geschwüre= Equine Glandular Gastric Disease: betreffen den hinteren, drüsenreichen Teil der Magenschleimhaut, insbesondere die Pylorus Region.
In diesem Bereich wird die Ursache im Pepsin in der Kombination mit niedrigen pH- Werten und einer Minderdurchblutung der Magenschleimhaut z.B. durch Stress gesehen. Diskutiert wird auch, ob beim Pferd das Helicobacter Bakterium zu EGGD Geschwüren führen kann. Das Bakterium wurde in Schleimhautproben aus Pferdemägen bereits nachgewiesen, die klinische Relevanz bleibt jedoch fraglich. Diese Art von Magengeschwüren ist am ehesten mit einem Stressbedingen Geschwür beim Menschen vergleichbar. Dieser Bereich ist seltener betroffen.

Ursachen:
Es gibt mehrere Faktoren, die das Risiko für Geschwüre bei Pferden erhöhen können. Die Hauptfaktoren sind ähnlich wie beim Mensch, eine falsche Ernährung und Stress. Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass bestimmt noch nicht alle Faktoren bekannt sind und Pferde auch ohne diese Risikofaktoren Magengeschwüre entwickeln können. Die Veranlagung für Magenprobleme entsteht oft schon im Fohlenalter z.B. durch das Absetzen der Mutter, nicht-artgerechte Aufzucht und Fütterungsfehler in der Aufzucht.

Weitere mögliche Auslöser:

Zu viel Kraftfutter:
Ein Übermaß an konzentriertem Futter bewirkt eine verminderte Speichelproduktion bzw. Pufferung des Magensaftes. Als Folge davon entsteht ein ungewöhnlich saures Magenklima und die Fettsäuren, die bei der bakteriellen Fermentation von Stärke und Zucker gebildet werden, schädigen zunehmend die kutane Schleimhaut und müssen durch den Speichel neutralisiert werden. Die erhöhte Verweildauer im Magen und die vermehrte Magensaftproduktion bei dieser Art der Nahrung verstärken zusätzlich den negativen Effekt.

Zu wenig Raufutter und zu lange Fresspausen:
In vielen Ställen wird zu wenig Raufutter gefüttert oder die Fütterungsintervalle sind zu lang. Was gleichzeitig bedeutet, dass das Pferd über einen längeren Zeitraum keinen Speichel produziert aber die der Magensäureproduktion permanent läuft. Dies hat zur Folge, dass die schützende Schleimhautschicht und letztlich die Magenwand angegriffen werden kann.

Zu geringe Wasseraufnahme durch sehr langsame Tränken, unbeheizte Tränken oder schlecht zugängliches Wasser. Eine zu geringe Wasseraufnahme führt zu einer Veränderung der Magenmikrobiota.

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe an Faktoren wie zum Beispiel:

• abrupte Futterumstellung
• Übergang von Weide auf Stallhaltung
• gefrorenes oder zu heißes Futter
• mechanische Schädigung durch stark verholztes Heu
• Schlingen durch Futterneid und Unruhe im Stall
• Mangelhafte Futterqualität (Schimmliges ,vergorenes oder
ranziges Futter)
• Duodenaler Reflux von Gallensäure
• Futterentzug bei Primärerkrankungen wie z.B. Hufrehe und
Koliken
• Kraftfutter vor Raufutter
• Training direkt nach Kraftfuttergabe
• Parasitenbefall durch Magendasseln
• Medikamente wie zum Beispiel Prascend bei Cushing und
Schmerzmittel (NSAIDs)
• Bestimmte Kräuter wie z.B. Teufelskralle, Ingwer und
individuelle Unverträglichkeiten

Ein weiterer wichtiger Auslöser ist Stress. Auf Stress reagiert der Körper mit einer vermehrten Ausschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin. Diese wirken auf das vegetative Nervensystem, das auch für die Steuerung des Magen- Darm- Trakts verantwortlich ist, und es kann durch die vermehrte Hormonausschüttung zu einer Überproduktion an Magensäure kommen. Cortisol lässt auch das Prostaglandin (Hormon) sinken, welches für die Unterdrückung von Salzsäure mitverantwortlich ist. Viele Pferde sind in der einen oder anderen Form von Stress betroffen. Durch die moderne Züchtung werden die Pferde immer sensibler und empfinden oft sehr viel mehr Stress als die Pferde früher. Je nach Pferd in unterschiedlichen Ausprägungen und in verschiedenen Bereichen.
Stress kann durch folgende Punkte ausgelöst werden:

• Stallwechsel
• lange Transporte
• Turniere
• Über und Unterforderung im Training
• Stoffwechselerkrankungen
• chronische Schmerzen z.B. durch Kissing Spines, Spat oder
Arthrose
• Instabile Herdenstruktur, Rangordnungskämpfe, zu wenig
Futterplätze
• Besitzerwechsel
• Zu viele Pferde auf zu kleiner Fläche
• Stress und Streit auf der Stallgasse
• Ständige Radiomusik in den Stallungen
• Keine Sozialkontakte
• Schlafmangel
• Bewegungsmangel
• Unpassender Sattel oder Trense

Anzeichen von Magengeschwüren:
Die Anzeichen von Magengeschwüren können schwer zu erkennen, sehr individuell sein und sie lassen aufgrund des unterschiedlichen Schmerzempfinden keinen Rückschluss auf den Schweregrad der Erkrankung zu.

Symptome die auf ein Magengeschwür hinweisen können:

• immer wieder auftretende leichte Koliken
• reduzierter Appetit und schlechte Wasseraufnahme ebenso wie
• vermehrter Appetit und vermehrte Wasseraufnahme
• häufige Unterbrechungen während der Futteraufnahme
insbesondere von Kraftfutter
• vermehrtes Liegen nach der Futteraufnahme
• der Bauch wirkt aufgedunsen
• Allotriophagie (fressen von Kot, Holz oder Ablecken von
Wänden)
• Wesensänderungen (Pferde wirken apathisch, depressiv oder
werden aggressiv)
• häufiges Flehmen, Leerkauen und Gähnen
• Koppen
• Absinken des Leistungsniveau
• verkrampfen und Aufstoßen
• Abwehrreaktionen beim Reiten oder Putzen
• Gewichtsverlust
• Schwere Atmung vor allem im Galopp
• Raues Fell (kann mit Cushing verwechselt werden, da Pferde
mit Magenschmerzen auch eine erhöhte ACTH Wert haben
können)
• meist werden diese Pferde nach einiger Zeit im Training
schlechter statt lockerer,
da während des Trainings die Säure aus dem drüsenhaltigen
Teil des Magens nach oben gedrückt wird und an kutane
Schleimhaut gelangt.

Wie werden Magengeschwüre festgestellt?

Eine Diagnose ist nach wie vor nur durch eine Gastroskopie möglich. Die Gastroskopie bietet die Möglichkeit, den Schweregrad sowie auch die Lokalisation der Geschwüre im Magen zu bestimmen und daraufhin einen entsprechenden Therapieplan zu erstellen .
Dabei wird der Magen mit Hilfe eines etwa drei Meter langen, flexiblen Endoskops dem Gastroskop auf entzündliche, degenerative und organische Veränderungen untersucht. Die Bilder dazu erscheinen am Monitor. Damit kein Nahrungsbrei die Sicht verhindert, muss das Pferd etwa 14 Stunden hungern. Damit es nicht alleine durch das Fasten vor der Gastroskopie zu einem Geschwür kommt, wird meist vorbeugend Omeprazol verabreicht. Der Eingriff findet am stehenden, sedierten Pferd statt. Im Gegensatz zum Menschen wird das Endoskop über den Nasenraum in den Magen geführt. Durch Einblasen von Luft lassen sich die Magenschleimhautfalten besser darstellen. Dabei muss beachtet werden, dass nur eine Positivdiagnose aussagekräftig ist, da der Magen nie komplett leer ist und Magengeschwüre übersehen werden können. Einige Tierärzte bieten auch die Möglichkeit an, die Untersuchung am heimischen Stall durchzuführen.
Sollte eine Magenspiegelung zur Diagnosefindung allerdings nicht möglich sein, kann auch eine sogenannte diagnostische Therapie durchgeführt werden. Das heißt: bessern sich die Symptome unter der Therapie, sind Magengeschwüre als Ursache wahrscheinlich.

Wie werden Magengeschwüre behandelt?

Je nach Lage und Schwere der Geschwüre stehen unterschiedliche Therapieansätze zur Verfügung.

Für ESGD Geschwüre:
Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol (GastroGard / Pepticure), mindern die Magensäureproduktion sehr effektiv und erhöhen den pH-Wert im Magen, was die Heilung der Schleimhaut ermöglicht.
H2-Antagonisten wie Cimetidin und Ranitidin um die Magensäure zu unterdrücken
Antacida: Säurepuffer zur kurzfristigen Kontrolle.
Schleimhautschutzmittel, um eine physikalische Barriere zwischen Magen und Säure zu bilden.

Für EGGD Geschwüre:
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten an, dass die Behandlung von EGGD Geschwüren länger dauert (bis zu 8 Wochen) und höhere Dosierungen notwendig sein können. Auch ist die alleinige Gabe von Omeprazol hier nicht zielführend. Antiazidika wie Sucralfat sind zusätzlich zu Omeprazol notwendig, da sie die Schleimhaut mit einer Schutzschicht überziehen und die Heilung unterstützen können. In vereinzelten Fällen kommt auch Doxycyclin (Antibiotikum) zum Einsatz.

Da betroffene Pferde auch nach Abheilen des akuten Magengeschwürs anfällig bleiben, muss ein Leben lang auf stressarme Haltung und angepasste Fütterung geachtet werden.

Wie kann ich Magengeschwüre vorbeugen?

• Futterpausen von mehr als 4 Stunde vermeiden. Fütterung
individuell auf das Pferd abstimmen.
• Ausreichende Versorgung mit qualitative hochwertigen Heu
• die Kraftfuttergaben falls notwendig, möglichst klein halten und
auf mehrere Mahlzeiten verteilen
• Getreide wie Gerste, Mais, Weizen und Dinkel vom Futterplan
streichen
• Heu immer mindestens eine halbe Stunde vor dem Kraftfutter
füttern
• Keine Fütterung von Silage oder Heulage (Histamin-Belastung
sorgt für Magenirritationen)
• keine abrupten Futterwechsel
• Gezielte Entwurmung
• Regelmäßige Zahnkontrolle
• Aromastoffe und Konservierungsmittel vermeiden
• Wasser permanent zur Verfügung stellen
• Soweit wie nur umsetzbar sollte Stress vermieden werden

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